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Informationsfreiheit, Open Data und Fahrradunfälle

- May 28, 2014 in Behörden, Deutschland, Featured, Informationsfreiheit, Open Data, Transparenz

Foto von JL (Lizenziert unter: CC BY 2.0 DE)

Freiburger Fahrradfahrer leben gefährlich!

Jedenfalls schreibt das die Badische Zeitung und bezieht sich in Ihrem Artikel vom 4. März auf Daten des Polizeipräsidiums Freiburg. Grafisch aufbereitet werden die von der Polizei erhobenen Unfalldaten sowohl im Verlauf der vergangenen zehn Jahre als auch die Verteilung anhand von Wochentagen übersichtlich und informativ dargestellt. Von großem Nutzen dürfte den Lesern die interaktive Karte zu den Unfallschwerpunkten sein, die Radfahrern helfen könnte, gefährliche Straßen und Kreuzungen entweder zu meiden oder mit entsprechender Vorsicht zu passieren. Bei genauer Betrachtung muss man jedoch feststellen, dass die besagte Karte weit weniger nützlich ist als sie sein könnte, insbesondere da die Beschreibung der Gefahrenstellen in vielen Fällen recht allgemein gehalten ist. Beispiel: “Stark belastete Hauptverkehrsstraßen: Wo Autofahrer und Radfahrer aufeinandertreffen, kommt es naturgemäß zu vielen Unfällen.” Und so stellt sich die Frage wie eine alternative Version der Karte aussehen müsste, die Freiburgs Radfahrer anhand der vorliegenden Unfalldaten auf etwaige Gefahren hinweist. Ungleiche Behandlung beim Zugang zu Daten Ein derartiges Unterfangen beginnt zwangsläufig bei den Daten selbst. Es stellt sich also zunächst die Frage woher die Angaben zu den Unfallschwerpunkten stammen. Dies geht weder aus dem Artikel hervor noch enthält die Karte einen Link auf die Quelle der Daten. Auf Anfrage verweist der Redakteur der Badischen Zeitung auf die Pressestelle des Polizeipräsidiums Freiburg, die ich kontaktiere und mich neben den Unfalldaten aus gegebenem Anlass auch nach Daten zu Fahrraddiebstählen in Freiburg erkundige. Drei Emails und zwei Telefonate später ist das Ergebnis eher ernüchternd. Die Pressestelle schickt mir den sogenannten Unfallbarometer, der aber nur recht allgemeine Daten ohne detaillierte Ortsangaben enthält. Wie aber hat die Badische Zeitung die interaktive Karte entworfen, wenn doch die öffentlich verfügbaren Daten hierfür nicht ausreichend sein dürften? Auf Nachfrage gibt der zuständige Sachbearbeiter an, dass bei der Frage von Zugang zu Daten und Informationen der Verwaltung mit Bürgern anders verfahren wird als mit Journalisten. Hinzu kommen datenschutzrechtliche Vorschriften, die einzuhalten seien. Auf welcher rechtlichen Grundlage die Unterscheidung von Journalisten und Bürgern bzw. der rechtliche Schutz der Unfall- und Diebstahldaten beruht, konnte in dem Telefonat leider nicht eindeutig geklärt werden. Kein Einzelfall: Beispiel Nahverkehrsdaten Die Praxis des uneinheitlichen Zugangs zu Daten der Verwaltung ist kein Einzelfall in Freiburg. So erfreut sich Google seit einigen Monaten des exklusiven Rechts zur Nutzung der Freiburger Nahverkehrsdaten, die von dem Unternehmen u.a. in Google Maps eingebunden werden. Anstatt über einen offenen Zugang zu Freiburger Nahverkehrsdaten, lokalen Unternehmen und Entwicklern die Möglichkeit zu geben, Anwendungen zu entwickeln und damit Mehrwerte zu schaffen, wird ein internationales Unternehmen bevorzugt behandelt. Anders als das Polizeipräsidium hat die Freiburger Verkehrs AG jedoch Bereitschaft signalisiert, Daten im Rahmen der vor Kurzem beschlossenen Open Data Initiative der Stadt bereitzustellen. Keine gesetzliche Grundlage für Transparenz Es bleibt zu konstatieren, dass weder Stadt noch Land einen gesetzlichen Rahmen geschaffen haben, der den Bürgern in Freiburg bzw. Baden-Württemberg ein Recht auf Zugang zu Informationen der Verwaltung gewährt. Zwar verfolgt die Stadt Freiburg seit Kurzem eine Open Data Initiative, die auf einen Antrag der Stadtrat-Fraktionen der Grünen und der SPD zurückgeht, und auch die Landesregierung bemüht sich beim Thema Open Data. Doch gibt es weder eine kommunale Freiheitssatzung wie in München, noch ein Informationsfreiheitsgesetz, das, wie in anderen Bundesländern seit Langem üblich, den Bürgern das Recht auf Auskunft von Behörden einräumt. Fazit: Abwarten Die Stadt Freiburg hat mit dem Beschluss zur Umsetzung einer Open Data Initiative gezeigt, dass sie den Wert von offenen Daten für eine transparente, bürgerfreundliche und offene Verwaltung erkennt. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund sieht laut einem kürzlich erschienen Positionspapier in der Öffnung von Daten “Chancen und Nutzen für alle gesellschaftlichen Gruppen” und beschreibt Open Data als “ein wichtiges Element einer transparenten und vernetzten Verwaltung”. Inwiefern sich die Unterstützer von offenen Daten in der Freiburger Verwaltung durchsetzen können, wird sich zeigen. Möglicherweise wird interessierten Bürgern nichts anderes übrig bleiben, als auf das Landes-Informationsfreiheitsgesetz zu warten, das noch dieses Jahr in Kraft treten soll. Spätestens dann werde ich mich erneut mit meiner Anfrage an die Freiburger Polizei wenden.

Big Data Kann Mehr

- July 23, 2013 in Big Data, Data Philanthropy, Featured

Wer den Gewinner des Eurovision Song Contest schon vor der eigentlichen Veranstaltung kennen will, den Mitarbeiterbedarf seines Drogeriemarkts Wochen im Voraus planen muss oder seine Chancen auf einen Sieg bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl verbessern möchte, der verlässt sich heutzutage nicht mehr auf die Einschätzung von Experten, seine BWL-Kenntnisse oder ein Team von Beratern. Vielmehr wird er versuchen, die Antwort in einem Berg von Daten zu suchen. Von einigen als Datengold bejubelt, von anderen als Ende der Privatsphäre verteufelt, wird Big Data, so die etwas schwammige Bezeichnung für die Analyse von große Datenmengen, spätestens seit Mitte des vergangenen Jahres auch in Deutschland heiß diskutiert. Unter anderem Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und Der Spiegel haben die diversen Facetten des Themas ausführlich beleuchtet. Auf Veranstaltungen wie Big Data – Goldmine oder Dynamit? oder Big Data – Chance für Deutschland werden die Potentiale und Gefahren von dem „Haufen Daten“ von Politik, Wissenschaft und Privatwirtschaft erörtert. Die wesentlichen Akteure in der deutschen Diskussion und gleichzeitig Zielgruppe staatlicher Förderprogramme sind Privatunternehmen, die, so die weitläufige Überzeugung, mit der Auswertung von Big Data erhebliche wirtschaftliche Potentiale anzapfen können. Nur wenn es gelänge, den Datenschatz zu heben, so der Tenor, könne ein Unternehmen im Daten-Zeitalter international konkurrenzfähig bleiben. Zweifellos bergen die Datenberge, die deutsche Unternehmen über Einkaufsgewohnheiten, Telefonierverhalten oder Musikvorlieben ihrer Kunden sammeln, enorme Potentiale für zielgenaue Werbung und Anpreisung von Produkten. An Beispielen besteht jedenfalls kein Mangel. Ein zentraler Aspekt bleibt in der deutschen Diskussion bislang jedoch vollständig Außen vor: Die Daten können nicht nur zur Profitmaximierung eingesetzt, sondern auch in der Hilfe bei Naturkatastrophen, der Erforschung von Nebenwirkungen von Medikamenten oder für die Eindämmung von übertragbaren Krankheiten genutzt werden. Eine wachsende Zahl von Institutionen beschäftigt sich daher mit der Herausforderung, die wertvollen Daten hinter den Firewalls der Unternehmen für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat hierfür eigens eine Initiative ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch die Analyse von zuvor anonymisierten Daten, die tagtäglich durch die Nutzung von Handy, Web & Co entstehen, die Arbeit von UN-Organisationen in Entwicklungsländern zu verbessern. So zeigen erste Studien, dass durch die Analyse von Twitter-Daten Hungerkatastrophen weit früher entdeckt werden können als es heute der Fall ist.
Quelle: UN Global Pulse

Quelle: UN Global Pulse

Dabei ist die Nutzung von Daten im Besitz von Mobilfunkanbietern, Internetkonzernen oder Marktforschungsinstitute durch gemeinwohlorientierte Organisationen alles andere als einfach. Insbesondere der Datenschutz ist hierbei eine zentrale Herausforderung. Denn nur wenn die Privatsphäre durch Aggregierung und vollständige Anonymisierung (siehe hierzu z.B. das Space Time Boxes Konzept oder die Differential Privacy Methode) ohne Zweifel sichergestellt werden kann, ist ein externer Zugriff denkbar. Wo eine vollständige Anonymisierung technisch nicht machbar und damit kein Zugriff auf die Daten möglich ist, könnten Unternehmen, Anwendungen in ihre Systeme integrieren, die automatisch über auffällige Veränderungen in den Daten – Bewegungen von großen Gruppen während Naturkatastrophen lassen sich anhand von Mobilfunkdaten sehr genau bestimmen – informiert werden. Eine schnellere und gezielte Hilfe ist dadurch möglich. Es mag überraschen, dass viele Unternehmen der Idee, die von ihnen gesammelten Daten für einen guten Zweck zugänglich zu machen, weitgehend offen gegenüber stehen und bereits in kleinem Rahmen mit der Bereitstellung ihrer Daten experimentieren. Schließlich machen Daten für eine wachsende Zahl von Firmen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil aus. Doch zum einen könnten genau durch diese Daten Katastrophen besser bewältigt und damit (potentielle) Kunden vom Verlust von Hab und Gut bewahrt werden. Zum anderen könnte durch die Einrichtung einer Art Data Commons der Ursprung der darin enthaltenen Daten unkenntlich gemacht werden. Eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit bestände somit nicht mehr. Institutionen wie der Internationale Verband der Mobilfunkanbieter oder das Weltwirtschaftsforum diskutieren bereits mit Wissenschaftlern, Datenschutzexperten und Regierungsvertretern über die notwendigen rechtlichen, technischen und organisatorischen Grundlagen.
Quelle: UN Global Pulse

Quelle: UN Global Pulse

Auch wenn es hierzulande erste Überlegungen zur Rolle von Big Data bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen gibt, so ist der Fokus noch sehr stark auf den wirtschaftlichen Nutzen beschränkt. Dies liegt wahrscheinlich nicht zuletzt an der Komplexität der Thematik, die nur durch einen intensiven Austausch von Technologie- und Datenschutzexperten sowie Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Privatwirtschaft durchdrungen werden kann. Erste Denkanstöße könnten aus dem EU Projekt Big Data Public Private Forum, an dem die Open Knowledge Foundation beteiligt ist, resultieren. Doch eine systematische Auseinandersetzung mit der Frage, wie Daten des Privatsektors zur Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen genutzt werden könnten, findet in Deutschland bislang noch nicht statt. Disclaimer: Der Autor war von November 2012 bis Januar 2013 für die UN-Initiative UN Global Pulse tätig.